Fußball ist cooler als Tischtennis, fand Timo Gotsch, als er im zarten Alter von zwölf Jahren mit dem Tischtennissport aufhörte. Damals, im Jahr 2014, bejubelten die deutschen Kicker den Weltmeistertitel in Brasilien. „Ich dachte den ganzen Tag an nichts Anderes als an Fußball“, erinnert sich Timo Gotsch noch gut. Inzwischen sieht die Sportwelt beim Gärtringer wieder ganz anders aus, nach der Umstellung auf eine defensive Spielweise ist beim heute 23-Jährigen wieder der Spaß am schnellen Spiel mit dem kleinen Ball zurückgekehrt. Und es ist keinesfalls übertrieben, Timo Gotsch als den „Überflieger“ des TTV Gärtringen in den letzten beiden Jahren zu titulieren.

Im letzten Jahr war Timo Gotsch (Dritter von links) ein weiteres Mal mit einer familieninternen Gotsch-Mannschaft im Einsatz.
Es war doch ein gewisser Druck, den Timo Gotsch in jungen Jahren verspürte. Naheliegen könnte dies, weil seine Mutter Qianhong Gotsch schließlich eine der besten Tischtennis-Spielerinnen der Welt war und auch Vater Ingo über Jahrzehnte erfolgreich beim TTV Gärtringen und der SV Böblingen agierte. Weit gefehlt. „Uns war wichtig, dass die Kinder sich bewegen und auch das Vereinsleben kennenlernen. Es war völlig ok, dass Timo damals den Schwenk zum Fußball machte“, sagt Ingo Gotsch heute. „Den Druck habe ich mir als kleiner Junge immer selbst gemacht“, sagt Timo Gotsch heute, „ich nahm den Sport immer sehr ernst, war vor den Spielen hibbelig und während der Ballwechsel angespannt. Und demzufolge bei Niederlagen oft den Tränen nah.“ Heute bezeichnet Timo Gotsch die Abkehr vom Tischtennissport als Loslösung vom in die Wiege gelegten Sport, gar als „Bruch mit der eigenen Identität“. In der Fußballjugend machte er lange seinen Weg, stand bis zur A-Jugend beim Nachwuchs des FC Gärtringen im Tor - und war ein durchaus passabler Kicker.
„Würde ich heute mit meinem zwölfjährigen Ich sprechen, würde dieses niemals glauben, dass ich zu den Wurzeln zurückkehrte“, meint Timo Gotsch, der sich zuletzt aufmachte, mit einem neuen Spielstil so richtig durchzustarten. Erstmals Lunte roch er wieder bei der Realisierung des Gotsch’schen Familienprojekts. „Rein aus Jux habe ich den Schläger wieder in die Hand genommen, weil wir damals in der untersten Liga unser langjähriges Vorhaben umsetzten, eine Saison lang mit einer reinen Gotsch-Mannschaft an den Start zu gehen“, erinnert er sich. Erst durch die Pandemie wurde man dann in der Saison 2019/2020 ausgebremst. Aus dem persönlichen Plan, nur gelegentlich auszuhelfen, wurde bei Timo Gotsch mehr: „Ich war schnell Stammspieler, wurde auch etwas besser, aber ich merkte selbst, dass mein Spielsystem zu eindimensional war.“ Soll heißen: Seinen Lieblingsschlag, den Vorhand-Topspin, konnte Timo Gotsch viel zu selten vorbereiten und einsetzen.
Rückblickend war es bei einem Spiel der ersten Gärtringer Mannschaft, als mit Luis Hornstein von der gegnerischen SV Böblingen ein Akteur mit durchaus ansehnlicher Spielweise für ein „Aha-Erlebnis“ bei Timo Gotsch sorgte. „Es gab lange Ballwechsel, mit seiner Rückhandabwehr setzte er seine starke Vorhand gekonnt in Szene“, erinnert sich Timo Gotsch. Und es war für ihn klar: „So will ich jetzt auch spielen.“ Im Nachhinein bezeichnet es Timo Gotsch als „absurd“, dass er seiner Mutter unzählige Male bei deren Abwehrkünsten zuschaute, selbst aber nie auf die Idee kam, ähnlich am Tisch zu agieren. „Es brauchte dieses eine Spiel, wo es bei mir Klick machte.“
Spät, aber nicht zu spät wurde in Timo Gotsch eine bis dahin unbekannte Liebe zum Tischtennissport entfacht. Quasi jeden Tag zog es ihn in die Sporthalle, oftmals fuhr er mit seiner Mutter morgens um 7 Uhr nach Böblingen, wo er trainierte und dann drei Stunden später zur Hochschule weiterpendelte. „Und abends ging es dann ins Vereinstraining, zusätzlich auch in Betreuerfunktion in der Gärtringer Nachwuchsarbeit.“
Ehemals in der sechsten Mannschaft den Wiederanlauf probiert, gehört Timo Gotsch mittlerweile zum festen Stamm der zweiten TTV-Mannschaft in der Landesklasse. In der vergangenen Saison 2024/2025 absolvierte der Gärtringer die stolze Anzahl von 30 Punktspielen, war von der Kreisliga A bis zur Landesliga gleich in vier Teams im Einsatz. „Über die 25:0-Einzelbilanz in der dritten Mannschaft habe ich mich besonders gefreut“, sagt Timo Gotsch, der nach erfolgreich abgeschlossenem Cross-Media-Studium an der Stuttgarter Hochschule für Medien nun auch beruflich im Bereich des Tischtennissports aktiv ist. Als Volontär in der Redaktion der myTischtennis GmbH weilt der 23-Jährige unter der Woche in deren Hauptsitz in Düsseldorf, zeigt sich dabei für das Bespielen der großen Bandbreite der Medien mitverantwortlich. „Natürlich musste ich dadurch das Trainingspensum etwas herunterschrauben, aber ich möchte mich weiterhin verbessern“, gibt Timo Gotsch die Devise aus. An diesem Samstag tritt Timo Gotsch mit der zweiten Mannschaft zum Landesklasse-Topspiel bei der SpVgg Weil der Stadt II an.
„Die Freude am Sport ist die Hauptsache, ich sehe das nicht zu verbissen.“ Mit dieser Erfolgsformel ist bei Timo Gotsch auch in den nächsten Jahren noch vieles möglich. Und vielleicht spielen die Tischtennis-Gene aus dem familiären Umfeld doch insgeheim eine nicht unwesentliche Rolle.